Cannabis bei ADS und ADHS? Das sagt die Forschung

Noch bevor der Zugang zu medizinischem Cannabis 2017 in Deutschland erleichtert wurde, galt eine diagnostizierte ADHS als eines der Kriterien, um Anträge zur Erteilung einer Ausnahmeerlaubnis für die Behandlung mit medizinischem Cannabis nach § 3 Absatz 2 BtMG zu stellen. 

Inhalt

Key Facts

  1. Auch im Erwachsenenalter sind schätzungsweise 2,5 Prozent von ADHS betroffen.
  2. Zusätzlich zu den ADHS-Symptomen können Begleiterkrankungen auftreten.
  3. Studien geben erste Hinweise auf eine mögliche Wirkung von Cannabis bei ADHS.
  4. Noch liegen zu wenige Daten vor, um die Frage nach dem Einsatz von Cannabis bei ADHS pauschal zu beantworten.

Was ist der Unterschied zwischen ADHS und ADS?

Die Abkürzung ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Störung. Kommt Hyperaktivität hinzu, spricht man von ADHS, also einer Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit-Hy­per­ak­ti­vi­täts­stö­rung.

In Deutschland sind laut Schätzungen 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 6 bis 18 Jahren von ADHS betroffen. Nach strengen Diagnosekriterien lässt sich die ADHS auch im Erwachsenenalter noch bei 40 bis 50 Prozent der Betroffenen feststellen. Entsprechend geht man davon aus, dass hierzulande rund 2,5 Prozent der Erwachsenen an der ADHS leiden.

Allerdings kann sich das Beschwerdebild mit der Zeit verschieben: So wird die ADHS teilweise zu einer ADS, wenn mit dem Erwachsenwerden die Hyperaktivität in den Hintergrund tritt. Teilweise treten dann andere Symptome wie etwa Zerstreutheit in den Fokus.

Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen können sich bei ADHS oder ADS einstellen, müssen es aber nicht.

Methylphenidat, auch unter dem Namen Ritalin – einem seiner Handelsnamen – bekannt, ist zur Behandlung von ADS und AHDS weit verbreitet. 2015 sorgte die Cochrane Collaboration, ein internationaler Forschungsverbund, jedoch mit einer großen Analyse für Aufsehen, nach der Nutzen und Risiken der Behandlung unklarer seien als gedacht. 

Darüber hinaus gilt bei der Einnahme von Ritalin gegen ADHS oder ADS der sogenannte Rebound-Effekt als potenziell problematisch.

Cannabis bei ADHS: Die Praxis in Deutschland

Noch bevor der Zugang zu medizinischem Cannabis 2017 in Deutschland erleichtert wurde, galt eine diagnostizierte ADHS als eines der Kriterien, um Anträge zur Erteilung einer Ausnahmeerlaubnis für die Behandlung mit medizinischem Cannabis nach § 3 Absatz 2 BtMG zu stellen. 

14 Prozent der Sondergenehmigungen für medizinisches Cannabis entfielen damals auf Antragsteller:innen mit ADHS. In den ersten drei Jahren nach der Neuregelung betrug der Anteil nur noch 1 Prozent.

Lesen Sie in unseren weiterführenden Artikeln, unter welchen Bedingungen Cannabis als Medizin heute verwendet werden darf, welche Darreichungsformen von Cannabis zur Auswahl stehen und wie Sie ein Cannabis Rezept einlösen können. Erfahren Sie außerdem, wann ein Cannabisausweis trotz der Cannabis Legalisierung hilfreich sein könnte.

Die Studienlage zu Cannabis bei ADHS

Der Cannabis-Report der Universität Bremen in Zusammenarbeit mit der TK kam 2018 in puncto ADHS bei Cannabis zu dem Ergebnis, dass die ADHS eine mögliche Indikation für die Anwendung von medizinischem Cannabis liefere. Er bemängelte jedoch, dass vor allem Patient:innenberichte und nur wenig wissenschaftliche Evidenz vorlägen.

Cannabis könnte in manchen Fällen die Aktivität regulieren

Eine Fallstudie der Universität Heidelberg aus dem Jahr 2008 schildert die Beobachtungen der Auswirkung von Cannabis auf einen Patienten, der ausgeprägte Symptome von ADHS aufwies. Während er sich vor dem Cannabiskonsum unangemessen verhielt und unaufmerksam war, war sein Verhalten bei einem hohen Level des Cannabinoids THC im Blutplasma unauffällig.

Die Wissenschaftler:innen ließen den Probanden zudem einen verkehrspsychologischen Test absolvieren. Während er vor dem Konsum von Cannabis durchfiel, erzielte er unter dem Einfluss der Substanz in den Testkategorien „Wachsamkeit“ und „geteilte Aufmerksamkeit“ durchschnittliche Ergebnisse und bestand den Test.

Cannabis gegen ADHS: Behandlung mit cannabinoidbasierten Arzneimitteln?

2017 untersuchten Forscher in einer britischen Studie an 30 Betroffenen mit ADHS eine potenzielle Wirkung des Sativex-Sprays – einem cannabinoidbasierten Arzneimittel mit CBD und THC – im Vergleich zu einem Plazebo. Zwei Bereiche wurden dabei betrachtet: Kognitive Leistung und Aktivitätsniveau auf der einen sowie typische ADHS-Symptome und emotionale Labilität auf der anderen Seite.

Für die erste Komponente konnte eine leichte Verbesserung in der Sativex-Gruppe festgestellt werden, die jedoch nicht signifikant war. Bei der zweiten Komponente konnte eine nominell signifikante Verbesserung in den Bereichen Hyperaktivität/Impulsivität sowie ein Trend zur Verbesserung von Unaufmerksamkeit und emotionaler Labilität festgestellt werden. Bei der Einordnung der Ergebnisse muss man unter anderem jedoch die kleine Versuchsgruppe berücksichtigen.

Cannabis mit erhöhtem Cannabinol-Anteil gegen ADHS?

2020 nahmen 59 Konsument:innen von medizinischem Cannabis an einer israelischen Studie teil. Sie alle hatten die Diagnose ADHS gemeinsam, hatten das Medizinalcannabis jedoch aufgrund anderer Erkrankungen verordnet bekommen. Mithilfe eines Fragebogens sollten die Teilnehmer:innen einschätzen, wie stark sie ihre ADHS Symptome während der Therapie wahrnahmen.

Nach Auswertung des Fragebogens stellten die Wissenschaftler:innen unter anderem einen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Aufnahme von Cannabinol und in der Selbstwahrnehmung gelinderten ADHS-Symptomen fest. Bei THC konnte dieser Zusammenhang nicht festgestellt werden. Die Macher:innen der Studie geben an, dass weitere Untersuchungen nötig seien, um eine mögliche Wirkung von Cannabis und seiner Bestandteile bei ADHS zu ergründen.

Die Studienlage zu Cannabis bei ADS

Zum Einsatz von Medizinalcannabis bei ADS gibt es derzeit keine relevanten Studien.

Grundsätzlich sind die Symptome bei ADS – verglichen mit denen bei ADHS – oft weniger offenkundig, was zu einer schwächeren Außenwahrnehmung beitragen kann. Denn im Gegensatz zur auffälligen Hyperaktivität bei einer ADHS kann das Beschwerdebild einer ADS erst auf den zweiten Blick sichtbar sein. Entsprechend geht man bei ADS von einer hohen Dunkelziffer aus.

Cannabis bei ADHS oder ADS: Ja oder nein?

ADHS und ADS können das Leben von Betroffenen und deren Umfeld auch im Erwachsenenalter noch beeinträchtigen. Die Anwendung von medizinischem Cannabis bei ADHS gilt als potenzielle Behandlungsmöglichkeit, und erste Studien scheinen dies zu bestätigen.

Allerdings liegen zu Cannabis gegen ADHS nur wenige aussagekräftige Untersuchungen von methodisch hoher Qualität vor. Vor dem Hintergrund möglicher Risiken empfiehlt der Selbsthilfeverband ADHS Deutschland e.V. Cannabis bei ADHS nach derzeitigem Stand daher nicht als Standardtherapie.

Grundsätzlich ist es in Deutschland möglich, sich ein ADHS Cannabis Rezept verschreiben zu lassen und es bei einer Cannabis Apotheke einzulösen. Wenn Sie von ADHS betroffen sind und eine entsprechende Verschreibung in Betracht ziehen, sollten Sie mögliche Nutzen und Risiken mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrer behandelnden Ärztin abwägen.

Quellen: 

ADHD in Germany: Trends in Diagnosis and Pharmacotherapy (Bachman, Philipsen et al., 2017)

Artikel der Süddeutschen Zeitung: Ritalin wirkt weniger als gedacht (Bartens, 25.11.2015)

Cannabis als Medizin: Bisherige Erfahrungen des BfArM und Aufgaben der Cannabisagentur (Cremer-Schaeffer, 2017)

3 Jahre Cannabis als Medizin – Zwischenergebnisse der Cannabisbegleiterhebung (Schmidt-Wolf, Cremer-Schaeffer, 2021)

Cannabis-Report der Universität Bremen in Zusammenarbeit mit der TK, 2018

Cannabinoid and Terpenoid Doses are Associated with Adult ADHD Status of Medical Cannabis Patients (Hergenrather, Aviram et al., 2020)

Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: A randomised-controlled trial, (Cooper, Williams et al., 2017)

Stellungnahme des ADHS Deutschland e.V. aus dem Juli 2017: Cannabis-Medikation bei ADHS: Ja oder Nein?