Darreichungsformen von Medizinalcannabis: Vor- und Nachteile

Viele glauben, dass man medizinisches Cannabis rauchen muss. Dabei gibt es neben der Inhalation von Cannabisblüten noch viele andere Darreichungsformen.

Inhalt

Key Facts

  1. Ärzt:innen können neben medizinischen Cannabisblüten auch Arzneimittel und Vollspektrumextrake auf Cannabinoid-Basis verordnen.
  2. Je nach Darreichungsform erfolgt die Anwendung in der Regel oral oder durch Inhalation.
  3. Die Therapie mit medizinischem Cannabis kann spezifisch auf die Indikation der Patient:innen zugeschnitten werden.

Muss man medizinisches Cannabis rauchen? Im ersten Moment ein naheliegender Gedanke. Denn die Inhalation der zerkleinerten Blüten ist der wohl verbreitetste Weg, Cannabis einzunehmen.

Was viele nicht wissen: Ärzt:innen können Cannabis als Medizin auch in Form von Cannabisextrakten oder anderen cannabinoidbasierten Arzneimitteln verordnen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie es möglich machen unser körpereigenes Endocannabinoidsystem anzusteuern und so ihre Wirkung zu entfalten – allerdings mit einigen spannenden Unterschieden.

Insgesamt lassen sich drei Darreichungsformen unterscheiden, die neben der Inhalation von zerkleinerten Cannabisblüten die Einnahme von cannabinoidhaltigen Arzneimitteln sowie von Vollspektrumextrakten beinhalten. Innerhalb jeder dieser Kategorien gibt es wiederum die Auswahl zwischen einer Reihe an medizinischen Cannabisprodukten. 

Das hat einerseits den Vorteil, dass Ärzt:innen die Therapie mit medizinischem Cannabis gezielt auf Patient:innen zuschneiden können. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage: Wie findet man heraus, welches Cannabisprodukt im Rahmen einer medizinischen Behandlung das passende ist? 

Im Folgenden finden Sie eine Übersicht zu den Darreichungsformen von Medizinalcannabis – von den grundlegenden Infos bis hin zu den jeweiligen Vor- und Nachteilen.

Medizinische Cannabisblüten: Cannabis rauchen oder verdampfen

Verschreiben Ärzt:innen Cannabisblüten, haben sie die Wahl aus einer Vielzahl medizinischer Cannabissorten mit verschiedenen Wirkstoffprofilen. Das macht eine individuelle Behandlung der Patient:innen möglich.

Außerdem gibt es die Möglichkeit, mehrere Cannabissorten miteinander zu kombinieren. So können erwünschte Wirkungen ergänzt oder gegebenenfalls negative Auswirkungen ausgeglichen werden. Während belebende, eher sativa-lastige Sorten, sich zum Beispiel eher für den Tag eignen, können körperlich beruhigende, also indica-lastige Sorten, am Abend eingesetzt werden.

Da Cannabisblüten ein Naturprodukt sind, kann die Zusammensetzung der Blüten sich von Fall zu Fall unterscheiden. Mittlerweile sind die Anbauverfahren jedoch stark standardisiert und die Zusammensetzung im europäischen Arzneibuch streng geregelt, sodass bei medizinischem Cannabis nur noch minimale Schwankungen auftreten. 

Was die Wahl der medizinischen Cannabissorte angeht, galt früher die Einteilung in Indica vs. Sativa als ausschlaggebend. Heute weiß man, dass sie eine eher grobe Orientierung zwischen belebenden und relaxierenden Sorten darstellt. Darum dient mittlerweile immer öfter das gesamte Cannabinoid- und Terpenprofil der Blüte als Entscheidungsgrundlage. 

Wie werden medizinische Cannabisblüten angewandt? 

Medizinische Cannabisblüten werden inhaliert, indem sie geraucht oder durch den Vaporizer verdampft werden. Eine genaue Dosierung von Cannabisblüten ist jedoch schwierig und kann etwas Erfahrung und Fingerspitzengefühl erfordern. 

Um die Anwendung zu vereinfachen, werden daher teilweise Cannabisblüten als Granulat verordnet. Hier werden die Blüten also bereits von der Apotheke zerkleinert und abgepackt. Als Patient:in erhalten Sie einen Dosierlöffel dazu, um die zerkleinerten Cannabisblüten genauer zu dosieren. Allerdings können diese so schneller oxidieren und damit an Qualität verlieren.

Alternativ können Ärzt:innen auch ganze medizinische Cannabisblüten verschreiben, auch als „Cannabis flos“ bezeichnet. Diese müssen allerdings zuhause mithilfe eines sogenannten Grinders zerkleinert werden.

Vor- und Nachteile medizinischer Cannabisblüten

  • Große Auswahl an Sorten mit verschiedenen Wirkstoffprofilen
  • Kombination verschiedener Cannabissorten möglich
  • Schneller Wirkeintritt: Schon nach wenigen Minuten 
  • Anspruchsvolle Dosierung
  • Womöglich „trial and error“, um die richtige Sorte zu finden

Einzelwirkstoffe als cannabinoidbasierte Arzneimittel

Cannabinoidbasierte Arzneimittel sind einfach zu dosieren. Da sie meist nur ein einzelnes Cannabinoid, wie zum Beispiel THC, enthalten, lässt sich ihre Wirkung relativ gut und abschätzen und reproduzieren.

Allerdings enthält die Cannabispflanze selbst eine Vielzahl an verschiedenen Cannabinoiden und Terpenen, die miteinander in Wechselwirkung treten können. So besagt der sogenannte „Entourage-Effekt“, dass sich deren Wirkung gegenseitig verstärkt – das Ganze kann so mehr sein als die Summe seiner Teile.

Entsprechend liegt der Nachteil an Einzelwirkstoffen darin, dass genau diese Wechselwirkung verschiedener Cannabinoide und Terpene wegfällt. Auch die Möglichkeiten zur Kombination sind weniger vielfältig und die Therapie kann weniger spezifisch auf das Anforderungsprofil der Patient:innen zugeschnitten werden, als es etwa bei Blüten der Fall ist.

Wie werden cannabinoidbasierte Arzneimittel angewandt? 


Cannabinoidbasierte Arzneimittel werden in der Regel oral verabreicht und sind etwa als Mundspray, Kapseln oder ölige Lösung erhältlich.

Vor- und Nachteile cannabinoidbasierter Arzneimittel

  • Einfache und sichere Dosierung 
  • Wirkung genau abschätzbar
  • Längere Wirkdauer durch orale Einnahme
  • Wechselwirkung verschiedener Cannabinoide und Terpene (der sog. Entourage-Effekt) fällt weg
  • Behandlung ist dadurch weniger individualisierbar
  • Verzögerter Wirkeintritt durch orale Einnahme

Vollspektrum-Cannabisextrakte

Vollspektrum-Cannabisextrakte sind unkompliziert zu dosieren und können Patient:innen dennoch von der Wechselwirkung verschiedener Cannabinoide und Terpene profitieren lassen, wenn auch meist nicht im gleichen Maße wie Cannabisblüten. 

Dank schonender Extraktionsverfahren wird das Cannabinoid- und Terpenprofil der Cannabispflanze weitgehend beibehalten. Der Extrakt kann also eine höhere Wirkung entfalten, als dies bei Einzelwirkstoffen der Fall wäre.

Im Vergleich zu Cannabisblüten ist außerdem eine genauere Angabe der Gehalte von Cannabinoiden und Terpenen möglich. 

Wie werden Vollspektrum-Cannabisextrakte angewandt? 

Vollspektrum-Cannabisextrakte werden in der Regel oral als Tropfen eingenommen. Teilweise können sie auch mithilfe eines Vaporizers inhaliert werden.

Vor- und Nachteile von Vollspektrum-Cannabisextrakten

  • Wirkstoffprofil der Cannabispflanze bleibt weitgehend erhalten
  • Einfache und sichere Dosierung
  • Lange Wirkdauer bei oraler Einnahme; schnelle Wirkung bei Inhalation
  • Entourage-Effekt kann zwar genutzt werden, aber nicht im selben Umfang wie bei Cannabisblüten
  • Verzögerter Wirkeintritt durch orale Einnahme

Tabletten gegen Cannabiskonsum: Gibt es so etwas?

Nein, Tabletten zur Unterstützung beim Cannabis Entzug gibt es bisher nicht. Während erste Studien teilweise vielversprechende Ergebnisse liefern, sind zur Erforschung von Tabletten gegen Cannabiskonsum weitere Untersuchungen nötig.

Der Hintergrund: Immer wieder ist das Suchtpotenzial von Cannabis Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Während eine Cannabis Abhängigkeit physisch allenfalls mild ausfällt, sind eine psychische Abhängigkeit und deren sozialen Folgen nicht zu unterschätzen.

Im Gegensatz zum Freizeitkonsum steht beim Konsum von medizinischem Cannabis nicht das „High“ im Vordergrund. Durch die Wahl der Cannabissorte, einen möglichen Gewöhnungseffekt dank stabiler Dosierungen sowie die Wahl der Darreichungsform kann der Rausch reduziert oder gar verhindert werden. Ob dies bei Cannabispatient:innen das Risiko für eine Abhängigkeit senken könnte, ist bisher allerdings Spekulation und wissenschaftlich nicht erwiesen.

Die Wahl des medizinischen Cannabisprodukts

Halten der Arzt oder die Ärztin eine Behandlung mit medizinischem Cannabis für sinnvoll, folgt als Nächstes die Entscheidung über die Darreichungsform. Denn auf dem Cannabisrezept muss genau eingetragen werden, welches Cannabisprodukt in welcher Dosierung verordnet wird. 

Die eine „richtige“ Darreichungsform gibt es dabei nicht. Während etwa Schmerzpatient:innen von der schnellen Wirkung einer Inhalation profitieren, kann an anderer Stelle die länger anhaltende Wirkung durch orale Einnahme von Vorteil sein. Bei dem Thema Cannabis bei Schmerzen sollte letztlich der Entschluss in enger Absprache zwischen Ärzt:innen und Patient:innen erfolgen.
Sobald die genaue Form der Cannabistherapie feststeht, kann bei der Krankenkasse ein Antrag auf Kostenübernahme von Cannabis auf Rezept gestellt werden. Alternativ können Patient:innen sich medizinische Cannabisprodukte auf Privatrezept verschreiben lassen, die sie aus eigener Tasche zahlen. Und wer weiß: Vielleicht bringt die bevorstehende Legalisierung von Cannabis auch Bewegung in die Verschreibungspraxis für medizinisches Cannabis. Wer ein Cannabis Rezept einlösenmöchte, kann das in jedem Fall schon heute in der Apotheke tun –  sowohl vor Ort als auch online.

FAQ

Welche Darreichungsformen gibt es?

Ärzt:innen haben grundsätzlich drei Möglichkeiten, wie sie Cannabis verschreiben können:

  1. Zerkleinerte Cannabisblüten zur Inhalation
  2. Cannabinoidhaltige Arzneimittel zur Einnahme
  3. Vollspektrumextrakte zur Einnahme oder Inhalation

Innerhalb dieser groben Einteilung steht noch einmal eine Reihe an Darreichungsformen zur Verfügung. Wer zerkleinerte Cannabisblüten inhaliert, kann zum Beispiel Cannabis rauchen oder verdampfen. Dabei hat jede Form der Anwendung ihre Vor- und Nachteile. Patient:innen und Ärzt:innen können in enger Abstimmung die passende Darreichungsform ermitteln.

Sind alle Darreichungsformen in Deutschland legal?

Ja, alle genannten Darreichungsformen sind bei der Verschreibung von medizinischem Cannabis in Deutschland legal. Darüber hinaus gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, über CBD- oder THC-Pflaster transdermal von der Cannabis Wirkung zu profitieren. Diese Anwendungsform ist in Deutschland allerdings weniger verbreitet.

Entscheidend für die Legalität ist es, dass die Cannabisblüte oder das Cannabisarzneimittel in Deutschland zugelassen ist und Patient:innen ein gültiges Cannabisrezept vorlegen können.

Wie bekomme ich ein Cannabis Rezept?

Um in Deutschland ein Rezept für Cannabis als Medizin zu erhalten, muss eine schwerwiegende Erkrankung vorliegen, die nicht mit den üblichen Therapien behandelt werden kann. Außerdem muss das Cannabis Rezept durch einen Vertragsarzt ausgestellt und der Einsatz von Cannabis erfolgversprechend sein.